Abreißgedicht

Die Tradition im Frankfurter Literaturhaus, Gedichte zum Mitnehmen an die Wand zu hängen, ist etwas sparsamer geworden, wird aber offenbar auch weiterhin gepflegt.

Diesmal fiel meine Wahl auf Rolf Bosserts

Gartenlaube

Wir sitzen in Städten im Osten.
Man macht Poesie.
Und während die Schreibfedern rosten,
Erklärt sich der Krug zum Genie.

Ich liebe die Herbstzeitlose,
Das tut ihr so gut.
Ich trag den April in der Hose,
Den September unter dem Hut.

Mein Auge kullert im Winde.
Die Wimper fällt um.
Ich rede für Taube und Blinde
So um die Dinge herum.

Die einfache Reimfügung und der wiegende Rhythmus
ließ mich an Volksliedhaftes wie bei Heine denken, aber von den aufgerufenen dinglichen Bildern geht eine verwirrende Unruhe aus: was Sache ist, wird nicht mit Namen genannt.

Erst als ich mir bei Wikipedia ansehe, was man über die Lebensschicksale des Autors weiß, glaube ich besser zu verstehen, um welche Dinge der Dichter “herumredet“.

 

Cui bono?

Das Objekt ist fest in der Wand verankert und in keiner Weise beweglich. Ein solches befindet sich gegenüber der einen oder anderen der zahlreichen Aufzugtüren im Marburger Uniklinikum. Man kann das Gerät (?) weder als Ablage nutzen noch darauf sitzen. Wem und wozu es dienen mag, konnte ich nicht ergründen; aber vielleicht sollte man froh und dankbar sein, wenn in unserer von Zwecken und Sachzwängen geordneten Welt ein derart irritierendes und rätselhaftes Gebilde seinen Platz behaupten kann.

Aus dem Nachleben der Bilder

z.B.

ein Schaltkasten am Straßenrand in Bad Nauheim.

Vielleicht erinnert sich nicht sofort jeder an das Original des Picassobildes:

Zur Erläuterung: der Schaltkasten befindet sich nicht weit von einem Schulkomplex, und gelegentlich erhalten Schüler die Möglichkeit, solch eine graue Fläche zu bemalen – vielleicht als Teil eines Projekts im Kunstunterricht.

“Stille Post“: nimmt man wahr, was alles verloren gegangen ist auf dem Weg von der Vorlage bis zur summarischen Wiedergabe auf dem Kasten, wächst die Bewunderung für das Original.

Ungewiss bleibt, ob die auf die beiden Gesichter zielende Spray-attacke nur der Person oder der Arbeit eines Schülers/einer Schülerin gegolten hat, oder ob vielleicht bereits in Picassos Komposition etwas angelegt war, was Mob-Aggressionslust provozieren kann.

Kleine Kostbarkeiten, für die ich mich bedanke

Kürzlich ging mein achtundachtzigstes Jahr zu Ende.
Die Umstände gaben keinen Anlass zum Feiern; aber
liebe Freunde haben mir mit so schönen Presenten
gratuliert, dass es schade wäre, sie nicht herumzuzeigen.

Hier ein paar Beispiele:

Hartmut B. : Vermeers Milchgießerin im Freien.
Dazu die Landschaft bei Corinth zu leihen –
darauf muss man erst mal kommen!

Dieter-Otto B. : Wie man den Baum an jedem einzelnen Blatt erkennt, so genügen schon einige Quadratzentimeter, um zu wissen, wer da am Werk war.

Peter A. : . . . gibt es nicht ab und zu kleine Rest-Stücke (von irgendetwas, das nicht gelungen ist,) die man aber doch nicht wegwerfen mag? . . .

So schrieb er, und hat er denn nicht recht?

Margret F. : ein Hinterglasbild mit dem den Betrachter testenden Titel “Nähe